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Materialkunde

Viskose, Modal, Lyocell: die Fasern aus Holz

Sie fallen wie Seide, kühlen wie Leinen und wachsen im Wald: Was hinter Viskose, Modal und Lyocell steckt, worin sie sich unterscheiden und warum gute Viskose kein billiger Stoff ist.

Fließend drapierter Viskose-Stoff in Ivory und Salbei

Kaum eine Faser hat ein so schiefes Image wie Viskose. Für die einen ist sie „billige Kunstfaser“, für die anderen ein Rätsel auf dem Etikett. Und dann hängt da dieses Kleid, das fällt wie Seide, sich kühl anfühlt wie Leinen und einen Bruchteil davon kostet. Beides stimmt irgendwie. Und genau deshalb lohnt es sich, diese Faserfamilie einmal richtig zu verstehen.

Denn Viskose, Modal und Lyocell sind Geschwister: Alle drei entstehen aus Zellulose, also aus Holz. Sie sind weder Natur- noch Kunstfaser im klassischen Sinn, sondern etwas dazwischen. Jede der drei hat ihren eigenen Charakter. Hier kommt die ehrliche Einordnung.

Aus Holz gemacht

Am Anfang steht ein Baum, meist Buche, Fichte oder Eukalyptus. Das Holz wird zu Zellstoff aufgelöst, die Zellulose durch feine Düsen zu endlosen Fäden gesponnen und zu Garn verarbeitet. Man nennt diese Gruppe deshalb Regeneratfasern: natürlicher Rohstoff, technischer Prozess.

Buchenholzspäne neben Zellulosegarn und Stoff
Vom Holz zum Garn: der Weg der Zellulosefasern

Das Ergebnis hat Eigenschaften, die keine andere Fasergruppe so vereint: einen fließenden, schweren Fall, ein kühles, glattes Hautgefühl und die Fähigkeit, Feuchtigkeit besser aufzunehmen als Baumwolle. Deshalb greifen gute Marken für Kleider, Blusen und fließende Hosen so oft zu dieser Familie. Kein anderer Stoff bewegt sich so.

Viskose ist keine billige Seide. Sie ist eine eigene Faser mit einem eigenen Talent: Bewegung.

Das Original

Viskose: die Fließende

Viskose ist die älteste und verbreitetste der drei, erfunden vor über hundert Jahren als erschwingliche Antwort auf Seide. Ihr Talent ist der Fall: Viskose legt sich weich um den Körper, statt abzustehen, und lässt Farben tief und satt wirken. Dafür ist sie in nassem Zustand empfindlich und knittert lieber als andere.

Ob eine Viskose günstig oder gut ist, entscheidet die Stoffqualität: Dicht gewebte, schwere Viskosen fallen traumhaft und halten jahrelang. Dünne, lose gewebte werden schnell müde. Der Preisunterschied entsteht im Stoff, nicht im Namen.

Steckbrief

Viskose

Fall●●●●●
Kühle●●●●○
Pflegeaufwand●●●●○
Ideal fürKleider & fließende Hosen

Die Weiche

Modal: die Unkomplizierte

Modal ist die Weiterentwicklung der Viskose, meist aus Buchenholz. Die Faser ist feiner, reißfester und vor allem: waschstabiler. Modal behält seine Form und Weichheit auch nach vielen Wäschen. Deshalb ist es die Faser der Wahl für alles, was oft in die Maschine muss: Shirts, Basics, Wäsche.

Im Griff ist Modal noch weicher als Viskose, fällt aber etwas leichter und weniger dramatisch. Man könnte sagen: Viskose ist der Auftritt, Modal der Alltag.

Steckbrief

Modal

Fall●●●●○
Kühle●●●○○
Pflegeaufwand●●○○○
Ideal fürBasics & Shirts

Die Moderne

Lyocell: die Zukunftsfähige

Lyocell, bekannt unter dem Markennamen Tencel, ist die jüngste der drei und die mit dem besten Gewissen: Sie entsteht in einem geschlossenen Kreislauf, in dem das Lösungsmittel zu rund 99,8 Prozent zurückgewonnen und wiederverwendet wird. Kein anderes Verfahren der Familie ist so sauber.

Auch an der Faser selbst merkt man den Fortschritt: Lyocell ist reißfester als Viskose, auch nass. Sie knittert weniger, kühlt spürbar und transportiert Feuchtigkeit so gut, dass sie sich selbst an warmen Tagen frisch anfühlt. In Mischungen macht sie andere Fasern besser: Baumwolle wird weicher, Denim geschmeidiger.

Steckbrief

Lyocell (Tencel)

Fall●●●●○
Kühle●●●●●
Pflegeaufwand●●○○○
Ideal fürSommer & sensible Haut

Kleines Lexikon fürs Etikett

Tencel™: der Markenname des österreichischen Herstellers Lenzing für Lyocell (und Modal) aus zertifizierter Produktion. Steht Tencel drauf, ist die Herkunft nachvollziehbar.

EcoVero™: ebenfalls von Lenzing. Viskose aus zertifizierten Quellen, die laut Hersteller bis zu 50 Prozent weniger Wasser verbraucht und bis zu 50 Prozent weniger CO₂ ausstößt als konventionelle Viskose. Das bessere Viskose-Etikett.

Cupro: Regeneratfaser aus Baumwoll-Linters mit seidigem Glanz, oft als Fütterstoff hochwertiger Kleidung. Vegane Seiden-Alternative.

Bambusviskose: klingt ökologisch, ist aber meist klassische Viskose aus Bambuszellstoff. Der Rohstoff wächst schnell, das Verfahren bleibt dasselbe. Ein automatischer Vorteil ist das also nicht.

Woran du gute Qualität erkennst

Der wichtigste Indikator ist das Gewicht: Guter Viskose- oder Lyocell-Stoff fühlt sich schwerer an, als er aussieht, und fällt in ruhigen, tiefen Falten. Dünne Qualitäten flattern, statt zu fließen, und werden nach wenigen Wäschen rau.

Auch die Oberfläche verrät viel: Hochwertige Zellulosefasern haben einen feinen, matten Schimmer, keinen synthetischen Glanz. Und die Nähte: Bei fließenden Stoffen trennt saubere Verarbeitung die guten von den kurzlebigen Teilen, denn schiefe Nähte verziehen den ganzen Fall.

Der Faust-Test

Nimm eine Handvoll Stoff, drücke sie fünf Sekunden fest zusammen und lass los. Gute Viskose entspannt sich, die Knitter fallen zum großen Teil wieder aus. Bleibt der Stoff zerknautscht wie Papier, wird dich das Kleidungsstück jeden Tag daran erinnern.

Mischungen verstehen

Zellulosefasern sind Teamplayer. Unsere Shirts mit Schmuckdetail zeigen das schön: 47 Prozent Lyocell, 41 Prozent Baumwolle, 12 Prozent Elasthan. Das Lyocell bringt Kühle und den weichen Griff, die Baumwolle Struktur und Alltagstauglichkeit, das Elasthan hält die Drapierung in Form. Genau so entsteht ein T-Shirt, das sich edler anfühlt, als ein Baumwollshirt es könnte.

Auch im Strick arbeitet die Familie mit: Im gestreiften Polostrick sorgen 35 Prozent Viskose dafür, dass der Merino-Feinstrick leicht fällt und geschmeidig bleibt, statt aufzuplustern. Wenn du auf einem Etikett Viskose in einer Wollmischung siehst: Das ist ihr Job.

So bleiben die Fasern schön

Die Familie hat eine Schwachstelle, und die sollte man kennen: Nässe. Zellulosefasern verlieren nass einen Teil ihrer Reißfestigkeit, Viskose am meisten, Lyocell am wenigsten. Daraus folgt fast alles, was es zur Pflege zu wissen gibt:

Viskosebluse liegend auf Handtuch zum Trocknen
Nass ist Viskose empfindlich, liegend trocknen schützt die Form
  1. Schonend waschen. 30 °C im Schonwaschgang oder Handwäsche, wenig Schleudern, denn die Faser ist nass am verletzlichsten.
  2. Niemals wringen. Nasse Viskose nicht auswringen und nicht schwer hängen lassen, sie verzieht sich sonst dauerhaft. In ein Handtuch rollen und sanft ausdrücken.
  3. Liegend oder hängend leicht trocknen. Leichte Blusen dürfen auf den Bügel, schwere Kleider trocknen liegend. Trockner: tabu.
  4. Mit Dampf glätten. Knitter verschwinden am schönsten mit Dampf oder beim Bügeln auf niedriger Stufe, leicht feucht. Danach fällt der Stoff wie neu.

Der Duschtrick

Zerknittertes Viskosekleid, keine Zeit? Häng es während des Duschens ins Bad. Der Wasserdampf entspannt die Faser, die meisten Falten hängen sich in zwanzig Minuten aus.

Welcher Typ bist du?

Für den großen Auftritt mit fließender Silhouette: Viskose, denn kein Stoff bewegt sich schöner. Für Basics, die ständig in der Wäsche landen: Modal, weich und unverwüstlich. Für warme Tage, sensible Haut und alle, denen Herkunft wichtig ist: Lyocell, die modernste der drei.

Häufige Fragen

Ist Viskose Plastik?

Nein. Viskose besteht aus Zellulose, also Holz. Sie ist biologisch abbaubar und enthält kein Erdöl. Sie ist aber auch keine Naturfaser im engen Sinn, weil sie chemisch gelöst und neu gesponnen wird. Die korrekte Kategorie: Regeneratfaser.

Warum knittert Viskose so schnell?

Die glatte Faser hat wenig Eigenspannung. Was ihr den schönen Fall gibt, lässt sie auch Falten annehmen. Gute Nachricht: Sie gibt die Falten genauso bereitwillig wieder her. Aufhängen oder Dampf reicht meist.

Läuft Viskose beim Waschen ein?

Sie kann, vor allem bei zu warmer Wäsche und im Trockner. Bei 30 °C im Schonwaschgang und liegender Trocknung bleibt sie formstabil. Bis zu fünf Prozent Restschrumpfung bei der ersten Wäsche sind bei manchen Qualitäten normal und einkalkuliert.

Ist Lyocell wirklich nachhaltiger als Baumwolle?

In den meisten Bilanzen ja: Der Holz-Rohstoff braucht kein Ackerland und kaum Bewässerung, das geschlossene Kreislaufverfahren gewinnt das Lösungsmittel fast vollständig zurück. Konventionelle Baumwolle ist dagegen sehr wasserintensiv. Wie immer gilt: Das nachhaltigste Kleidungsstück ist das, das lange getragen wird.

Und weil Fall etwas ist, das man sehen und fühlen muss: Unsere Stücke aus dieser Faserfamilie findest du online, oder du lässt sie in der Boutique durch die Finger gleiten. Termin genügt.

Aus der Kollektion

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